Für die Menschen. Für Westfalen-Lippe.

Atlas der Libellen Nordrhein-Westfalens

Arbeitskreis Libellen NRW in Zusammenarbeit mit dem LWL-Museum für Naturkunde

Der Atlas zeigt Ihnen auf Basis von Topographischen Karten das Vorkommen heimischer Libellenarten. Probieren Sie es aus.

Asiatische Keiljungfer

Gomphus flavipes

Erstnachweis:
Nachweise im Atlas:
Anhang II :
Anhang IV:
Kartenansicht
Startjahr

Endjahr

 

Artfoto
Männchen von G. flavipes (Aurith an der Oder, Brandenburg, 05.08.2013). Foto: Ikemeyer, Dietmar

Verbreitung und Bestandssituation

Gomphus flavipes ist eine pontokaspische Art, deren Verbreitungsgebiet sich von Westeuropa bis Ostsibirien erstreckt. Im Süden reicht es bis nach Norditalien und Nordostgriechenland, im Norden bis ins nördliche Baltikum und ins nördliche Russland (Dijkstra & Lewington 2006). In Europa ist die Art vor allem im Osten zu finden. Im 20. Jahrhundert waren bis Ende der 1980er Jahre in Mittel- und Westeuropa lediglich Reliktpopulationen an der oberen Spree, der Oder und an Loire und Allier (Mittelfrankreich) bekannt (Suhling & Müller 1996). Seit Anfang der 1990er Jahre gelangen zahlreiche Funde an der Donau, der Elbe, der Weser und dem Rhein (Ehmann 1992; Brümmer & Martens 1994; Habraken & Crombaghs 1997; Müller 1997). Viele Abschnitte dieser Flüsse sind momentan wieder besiedelt, so unter anderem die Mittlere Elbe (Müller 1999). Da ältere Nachweise aus dem 19. Jahrhundert weit verstreut aus fast ganz Mitteleuropa vorliegen, dürfte es sich bei diesen Entwicklungen vielerorts um eine Wiederausbreitung in ehemals besiedelte Gebiete handeln. Für Niedersachsen gab es von G. flavipes bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wenige Nachweise von der Unteren Mittelelbe. Nachdem die Art ab 1929 für Niedersachsen als verschollen galt, gelang der Wiederfund 1996 an der Elbe bei Pevestorf (Zörner 1996). Wenige Jahre zuvor war sie bereits in der brandenburgischen und sachsen-anhaltinischen Elbe wiederentdeckt worden (Brümmer & Martens 1994). Weitere Funde in der niedersächsischen Elbe sowie Erstnachweise für die Weser (südlich Bremen) und die Aller gelangen in den Folgejahren (Müller 1997; Clausen 1999). In Hessen und Rheinland-Pfalz wurde die Art 1997 erstmals am Rhein bei Darmstadt, Worms und Koblenz nachgewiesen (Niehuis & Schneider 1997; Reder 1997; Geissen 1997). Weitere Funde bodenständiger Vorkommen gelangen unter anderem zwischen Bingen und der nordrhein-westfälischen Landesgrenze (Freyhof et al. 1998; Geissen 2000). Die Art besiedelt aktuell diesen Teil des Rheins auf weiten Strecken (Brockhaus et al. 2015). Auch für die Niederlande liegen einige historische Nachweise aus dem 19. Jahrhundert vom Rhein, der Maas und der Ijssel vor (Albarda 1889). Hier gelang der Wiederfund im Jahr 1996 im Waal bei Nijmegen, bevor die Art in den Folgejahren auch in Rhein, Maas und Ijssel wieder nachgewiesen wurde (NVL 2002). Aus Belgien liegen keine historischen Funde vor (De Knijf et al. 2006), hier gelang der Erstfund 2000 an der Maas (Gubbels 2001).

Gomphus flavipes zählt in Nordrhein-Westfalen zu den sehr seltenen Arten, die ihren Vorkommensschwerpunkt entlang des Niederrheins hat. Dementsprechend liegen mehr als 80 % aller nordrhein-westfälischen Fundorte im Niederrheinischen Tiefland und der Niederrheinischen Bucht. Für fast alle Vorkommen ist die Bodenständigkeit durch Exuvienfunde belegt. Fundmeldungen fehlen aktuell lediglich für einige Rheinabschnitte, so im Raum Köln sowie zwischen Wesel und Emmerich. Dies dürfte auf Kartierungslücken zurückzuführen sein. Für die Niederrheinische Bucht gibt es neben den Vorkommen im Rhein lediglich einen Einzelfund ohne Bodenständigkeitshinweis von der Rur bei Körrenzig [5003/2]. Am Unterlauf der Rur ist die Art in den Niederlanden jedoch an mehreren Stellen bodenständig (Schaik & Geraeds 2005), so dass ein Vorkommen auch am nordrhein-westfälischen Abschnitt der Rur möglich erscheint. In der Westfälischen Bucht liegen alle sieben bekannten Fundorte an oder in der unmittelbaren Umgebung von Schifffahrtskanälen, wo die Art auch bodenständig ist (Postler et al 2005; Schmidt 2008b). Im Bergischen Land wurde G. flavipes lediglich einmal zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei Elberfeld [4708/4] gefunden (le Roi 1915a). Aus den anderen Großlandschaften gibt es bislang keine Meldungen. Eine Einzelbeobachtung ohne Bodenständigkeitshinweis gelang an der Oberweser für den niedersächsischen Teil des Weserberglandes unweit der Grenze zu Nordrhein-Westfalen (Leifeld & Lohr 2000). Ihrer Verbreitung entlang des Niederrheins und in der Westfälischen Bucht entsprechend besiedelt G. flavipes aktuell ausschließlich Höhenlagen unter 100 m ü.NN. Lediglich der oben erwähnte historische Fundort im Bergischen Land bei Elberfeld (le Roi 1915a) liegt mit 140 m ü.NN etwas höher. Die starke Zunahme der Beobachtungen der Art und ihrer Bodenständigkeitsnachweise seit 1998 war in Nordrhein-Westfalen – ähnlich wie in anderen Teilen Mitteleuropas – deutlich zu beobachten. Die zahlreichen seitdem erbrachten Funde sind sicherlich auch auf die erhöhte Aufmerksamkeit für die Art zurückzuführen. Trotzdem deuten sie stark auf eine Wiederausbreitung und Häufigkeitszunahme hin. Die genauen Ursachen dieser Bestandszunahmen sind bislang nicht bekannt. Obwohl Flussjungfern eine gewisse Toleranz gegenüber stofflichen Belastungen zeigen (Suhling & Müller 1996), dürfte der Rückgang der extrem hohen Schadstoffeinträge und Nährstofffrachten der 1970er bis 1980er Jahre für die meisten Arten eine deutliche Verbesserung der Lebensbedingungen bewirkt haben. Von den überdurchschnittlich warmen Sommern ab Anfang der 1990er Jahre haben insbesondere die mobilen Imagines profitiert, so dass die zunehmenden Temperaturen die Ausbreitung der Art zumindest stark begünstigt haben. Zudem dürfte die gleichzeitige Erhöhung der Wassertemperaturen zu einer Beschleunigung des Lebenszyklus geführt haben, was eine schnellere Generationsabfolge erlaubt. Laborversuche und Computermodelle haben dies für Gomphus vulgatissimus gezeigt (Braune et al. 2008).

Lebensräume in Nordrhein-Westfalen

Gomphus flavipes kommt in Nordrhein-Westfalen in strömungsberuhigten Bereichen großer Fließgewässer vor. Die Larven besiedeln Feinsedimente aus Schluff und Feinsand, die hier auf Grund der geringeren Transportkapazität des Wassers zur Ablagerung gekommen sind. Im Rhein findet sich die Art fast ausschließlich in den stark wasserbaulich geprägten Zwischenbuhnenbereichen, wo die Strömung verringert ist und sich deshalb entsprechende Feinsedimente abgelagert haben. Die meist sehr flachen Ufer weisen in der Regel eine geringe Vegetationsbedeckung auf, die Beschattung durch Ufergehölze ist unterschiedlich hoch. Die Schlupfdichte beträgt in 200 m bis 1.100 m langen Untersuchungsabschnitten durchschnittlich zwischen 1,5 und 3 Exuvien je 10 m Uferlänge, kleinräumig lassen sich bis zu 20 Exuvien je 10 m Uferlänge finden (K. Böhm mündl. Mitt.; Linke & Fartmann 2009).

Neben dem Rhein werden in Nordrhein-Westfalen auch Schifffahrtskanäle besiedelt. So gelang 2004 durch den Fund von insgesamt 3 Exuvien an Spund- beziehungsweise Betonwänden des Datteln-Hamm-Kanals sowie des Rhein-Herne-Kanals erstmals überhaupt der Entwicklungsnachweis der Art für einen Schifffahrtskanal (Postler et al. 2005). Seitdem erfolgten jährlich Nachweise an Kanälen, u.a. auch am Dortmund-Ems-Kanal (Schmidt 2008b). Hier dürften sich die Larvalhabitate in Feinsedimenten zwischen den Steinschüttungen der steilen Ufer sowie auf der Sohle der an den Fundstellen etwa 4 m tiefen Kanäle finden. Die Strömung ist gering, Wasserbewegungen werden meist nur durch die Verwirbelungen der Schiffsschrauben ausgelöst. Während sich Vorkommen von G. flavipes durch Exuvienfunde während und nach der Schlupfzeit meist relativ zuverlässig nachweisen lassen, gelingen Beobachtungen von Imagines oft auch an dicht besiedelten Abschnitten nur sehr vereinzelt. Meist sind die Tiere relativ scheu und halten sich in einiger Entfernung zum Gewässerufer auf. So wurde in den Niederlanden noch in 35 km Entfernung zum vermuteten Fortpflanzungsgewässer ein Männchen beobachtet (NVL 2002). Die aktuell in Nordrhein-Westfalen von G. flavipes genutzten Fortpflanzungsgewässer sind bereits seit mehreren Jahrhunderten durch Wasserbaumaßnahmen vollkommen verändert oder erst durch den Bau der Kanäle im 19. und 20. Jahrhundert entstanden. Beide Habitattypen sind somit als Sekundärlebensräume anzusehen. Die Primärlebensräume der Art liegen in naturnahen Flüssen in strömungsberuhigten Bereichen. Diese finden sich beispielsweise in Flussbiegungen oder – wie am Unteren Allier in Mittelfrankreich – hinter umgestürzten Uferbäumen und Totholz sowie größeren Genistansammlungen, die im Fluss verbleiben und nicht entfernt werden (Lohr 2010).

Phänologie in Nordrhein-Westfalen

Der Schlupf von Gomphus flavipes kann in Nordrhein-Westfalen bereits in der ersten Junidekade beginnen, der früheste Nachweis stammt vom 06.06.(2009). Die Schlupfperiode erstreckt sich über einen relativ langen Zeitraum. Sie erreicht meist erst Mitte bis Ende Juli ihren Höhepunkt und endet im August. Abgesehen von Schlupfbeobachtungen liegen vergleichsweise wenige Nachweise von Imagines vor, da sie sich meist nicht direkt am Gewässer aufhalten und relativ scheu sind. Nach den vorliegenden Beobachtungen erstreckt sich die Flugzeit der Art in Nordrhein-Westfalen bis Anfang September, die späteste Beobachtung gelang am 02.09.(2002).

Gefährdung und Schutz

Gomphus flavipes wird von Ott et al. (2015) in Deutschland als „ungefährdet“ eingestuft, in Nordrhein-Westfalen sind nach Conze & Grönhagen (2011) die Daten für eine Gefährdungseinschätzung auf Grund der wenigen Funde unzureichend. Die Art ist im Anhang IV der FFH-Richtlinie aufgeführt und gehört somit zu den streng geschützten Arten.

Trotz der Ausbreitung, die für die Art in den letzten Jahren zu verzeichnen ist, unterliegen ihre Fortpflanzungsgewässer mitunter starken Beeinträchtigungen. Im Rhein werden regelmäßig strukturelle Veränderungen der Flusssohle und der Ufer vorgenommen. Im Rahmen des Gewässerverbaus und der -unterhaltung erfolgen Uferbefestigungen beispielsweise durch Steinschüttungen, Sedimententnahme zur Fahrrinnenvertiefung sowie Beseitigung von Genist und Totholz. Der Schiffsverkehr verursacht durch den entsprechenden Wellenschlag regelmäßig Fehlschlüpfe.

Für das Fehlen bodenständiger Vorkommen in der Oberweser dürften neben strukturellen Defiziten wie im Rhein vor allem stoffliche Belastungen verantwortlich sein. So treten auch nach einem Rückgang der Salzeinleitungen durch die Kaliindustrie in den 1990er Jahren immer noch Chloridkonzentrationen von bis zu 1.000 mg/l auf, was mehr als dem zehnfachen Gehalt unter natürlichen Bedingungen entspricht. Seit dem Jahr 1999 werden die Salzeinleitungen so gesteuert, dass extreme Spitzenbelastungen weitgehend vermieden werden (Arge Weser 2001). Hält dieser Trend weiter an, ist damit zu rechnen, dass G. flavipes zukünftig auch in der nordrhein-westfälischen Oberweser zu finden sein wird. Eine Besiedlung durch weserabwärts gelegene Vorkommen auf niedersächsischem Gebiet ist dann wahrscheinlich. Die nächsten bekannten Fundorte an der Aller und an der Weser liegen lediglich etwa 50 km von der nordrhein-westfälischen Landesgrenze entfernt (Clausen 1999). Eine Förderung der Art sollte neben einer weiteren Verringerung der stofflichen Belastungen vor allem eine Verbesserung der Gewässerstrukturen umfassen. Hierbei spielt – neben dem Rückbau von Uferbefestigungen – das Belassen von Totholz und Genisten in den Fließgewässern eine wichtige Rolle.

Zitiervorschlag

Lohr M (2022): Asiatische Keiljungfer (Gomphus flavipes). In: AG Libellenkunde NRW — Online-Atlas der Libellen Nordrhein-Westfalens. Heruntergeladen von libellenatlas-nrw.lwl.org am 30.11.2022

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