Für die Menschen. Für Westfalen-Lippe.

Atlas der Libellen Nordrhein-Westfalens

Arbeitskreis Libellen NRW in Zusammenarbeit mit dem LWL-Museum für Naturkunde

Der Atlas zeigt Ihnen auf Basis von Topographischen Karten das Vorkommen heimischer Libellenarten. Probieren Sie es aus.

Gestreifte Quelljungfer

Cordulegaster bidentata

Erstnachweis:
Nachweise im Atlas:
Anhang II :
Anhang IV:
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Startjahr

Endjahr

 

Artfoto
Männchen von C. bidentata (28.05.2003). Foto: Hardersen, Sönke

Verbreitung und Bestandssituation

Cordulegaster bidentata ist eine adriatomediterrane Art, deren Vorkommen auf Europa beschränkt ist, wo sie ihren Verbreitungsschwerpunkt im Südosten besitzt. Das Areal erreicht im Westen und Südwesten Europas die Pyrenäen und das Zentralmassiv (Dijkstra & Lewington 2006). Die nördliche Arealgrenze stellen die deutschen Mittelgebirge dar, während die Art im Osten die Karpaten erreicht. Innerhalb dieses Verbreitungsgebietes kommt C. bidentata überall nur zerstreut vor. Aus den Niederlanden und Nordfrankreich liegen keine bzw. nur vereinzelte Nachweise vor (NVL 2002). Auch in Belgien sind aktuell nur einzelne zerstreut liegende Vorkommen im Südwesten des Landes bekannt (de Knijf et al. 2006). Aus Norddeutschland sind in Niedersachsen Vorkommen im Weser- und Leinebergland, dem Osnabrücker Hügelland und dem Harz belegt (Illies 1951; Völker 1955; Altmüller et al. 1989; Dombrowski 1989; Leipelt 1990). Auch aus den südlich angrenzenden Bundesländern Rheinland-Pfalz und Hessen gibt es Nachweise aus mehreren Mittelgebirgen. So wurde die Art aktuell in Nordhessen im Rheinhardswald und im Kellerwald nachgewiesen (Stübing et al. 2008). Die Vorkommen in den nordrhein-westfälischen Mittelgebirgen stellen die bedeutendsten nordwestlichen Vorposten dieser Art in Europa dar.

Cordulegaster bidentata ist in allen Mittelgebirgslandschaften von Nordrhein-Westfalen nachgewiesen und gehört zu den seltenen Arten. Im Flachland kommt die Art nicht vor. Dementsprechend erstreckt sich die Höhenverbreitung in Nordrhein-Westfalen vor allem auf die Lagen zwischen 100 und 300 m ü.NN, wo fast 80 % der Fundorte liegen. Nur vereinzelt wurde sie an tiefer gelegenen Gewässern beobachtet. Demgegenüber tritt die Art auch in Höhen von über 300 m ü.NN – gemessen an der Gesamtzahl der Libellennachweise in diesen Höhenstufen – überproportional häufig auf. Der höchst gelegene Fundort der Art in Nordrhein-Westfalen liegt bei im Gonderbachtal [5115/2] auf 600 m ü.NN, der höchste Bodenständigkeitsnachweis stammt aus dem NSG Großer Stein [5214/4] bei Holzhausen im Kreis Siegen-Wittgenstein mit 560 m ü.NN.

C. bidentata wurde schon früh in Nordrhein-Westfalen beobachtet (Selys-Longchamps & Hagen 1850), allerdings gibt es nur wenige historische Fundmeldungen der Art (le Roi 1915a; Dobbrick 1934; Caspers 1972; Kikillus & Weitzel 1981). Die Anzahl der Nachweise ist vor allem in den vergangenen zwei Jahrzehnten durch eine verbesserte und gezielt eingesetzte Erfassungsmethodik sehr deutlich angestiegen. Derzeit bestehen im Bergland noch zahlreiche Erfassungslücken. Bei gezielter Suche an geeigneten Biotopstrukturen im Bergland wurde C. bidentata oft mit Erfolg und teilweise auch in größeren Abundanzen angetroffen.

Bei einem Großteil der aus Nordrhein-Westfalen gemeldeten Beobachtungen handelt es sich um einzelne oder wenige Tiere, es liegen aber auch Meldungen von bis zu zehn Tieren vor. So konnten beispielsweise an einem 20 Meter langen Quellbachabschnitt und dem angrenzenden etwa zehn Meter langen Quellsumpf in Solingen-Widdert [4808/3] in den Jahren 2003 und 2004 keine Männchen und nur ein eierlegendes Weibchen beobachtet, aber jeweils über 40 Exuvien gesammelt werden.

Das Süderbergland besitzt auf Grund der hohen Anzahl an Fundpunkten eine besondere Bedeutung für die Art. Der hohe Waldanteil, ein entsprechendes Niederschlagsregime und die geologisch bedingte hohe Quelldichte bieten zahlreiche geeignete Lebensräume. Hier befindet sich aktuell ein Vorkommensschwerpunkt für ganz Deutschland, vermutlich auch für Mitteleuropa. Hervorzuheben ist auch ein nördlicher Vorposten an den Ausläufern des Weserberglandes im Kreis Steinfurt, im NSG Habichtswald [3713/3], der zu niedersächsischen Vorkommen im Osnabrücker Hügelland überleitet (Schröder schriftl. Mitt.)

Lebensräume in Nordrhein-Westfalen

Cordulegaster bidentata ist in der Wahl der Fortpflanzungsgewässer auf Quellbereiche und die oberen Abschnitte von Quellbächen spezialisiert. Bei den Quellen handelt es sich meist um Helokrenen, durchsickerte Sumpfquellen mit schwankenden Abflüssen und Ausdehnungen. Die Quellbachabschnitte weisen meist zusätzliche Grundquellen auf und sind in der Regel perennierend. Larven können durch Verdriftung in einiger Entfernung unterhalb der Quelle gefunden werden und so beispielsweise auch in die von Cordulegaster boltonii (Zweigestreifte Quelljungfer) besiedelten Bereiche geraten. Die von C. bidentata-Larven besiedelten Abschnitte sind fast ausnahmslos durch angrenzenden Wald beschattet und bezüglich ihrer Gewässergüte weitgehend unbelastet (Gewässergüteklasse I). Obwohl die Art häufiger in Laubwaldbächen angetroffen werden konnte, besiedelt sie auch Quellen, die unmittelbar an Fichtenforste angrenzen. Die besiedelten Quellen und Quellbäche sind unterschiedlich exponiert, häufig besteht ein lokales System aus Quellen und Bächen, das vermutlich von einer zusammenhängenden (Meta-) Population genutzt wird. Die Quell- und Uferbereiche können – abhängig von den Lichtverhältnissen – völlig kahl oder dicht bewachsen sein. Milzkrautfluren, Moospolster und Kleinseggenrieder sind dann an den Fundorten die häufigsten Vegetationsstrukturen.

Die beiden Cordulegaster-Arten kommen in Nordrhein-Westfalen insbesondere am Rand der Mittelgebirge auch gemeinsam vor (Fränzel 1985; Stevens & Riedel 2002; Koch et al. 2014). Funde von Larven und Exuvien beider Arten an ein und demselben Bachabschnitt sind aber eher selten. Es trifft in Nordrhein-Westfalen zu, was auch aus anderen (Bundes-)Ländern berichtet wird: C. bidentata besiedelt in der Regel die Quellen und oberen Quellbachabschnitte, während C. boltonii daran anschließend weiter unterhalb an den Bächen zu finden ist.

Phänologie in Nordrhein-Westfalen

Die in Nordrhein-Westfalen ermittelten Flugzeiten von Cordulegaster bidentata weichen zum Teil deutlich von Literaturangaben ab. In den südlich und südöstlich gelegenen Bundesländern beginnt die Flugzeit zumeist Ende Mai bis Anfang Juni und reicht bis in den September (z. B. Zimmermann et al. 2005; Stübing et al. 2010). In Nordrhein-Westfalen gibt es zahlreiche Schlupfnachweise der Art von Ende April und Anfang Mai [frühester Schlupf am 30.04.(2003), spätester Schlupf am 24.07.(1985), spätester Exuvienfund am 21.09.(2003)]. Zusätzlich zeigen Exuvienfunde aber auch – nach einer deutlichen Häufung Mitte bis Ende Mai – einen auffälligen Nachlauf und Meldungen, die bis weit in den Juli reichen und einen asynchronen Schlupf der Art belegen. Allerdings können auch mikro- und lokalklimatische Unterschiede, wie die unterschiedliche Exposition der Bachtäler, zu deutlichen Schlupfunterschieden führen. So lag in den fast benachbarten, nur 100 m voneinander entfernten Bächen „Heisterbuschbach“ und „Heiler Kotten“ bei Solingen [4808/3] der Beginn der Emergenz um mehr als 14 Tage auseinander. Exuvienfunde im August oder sogar September mögen erst spät entdeckte Funde sein.

Gefährdung und Schutz

Cordulegaster bidentata ist in Deutschland eine Art der „Vorwarnliste“ und gilt in Nordrhein-Westfalen als „stark gefährdet“ (Ott et al. 2015; Conze & Grönhagen 2011).

Auf Grund der Seltenheit von C. bidentata auch über die Grenzen von Nordrhein-Westfalen hinaus kommt dem Schutz dieser Art in diesem Bundesland eine große Bedeutung zu. Sie ist vermutlich diejenige Art, für die Nordrhein-Westfalen im gesamtdeutschen Kontext die größte Verantwortung trägt, da hier deutschlandweit und vermutlich auch europaweit bedeutende Vorkommen am nordwestlichen Arealrand der Art bestehen. Auch wenn die Art selten ist und sensible Lebensräume besiedelt, gibt es in Nordrhein-Westfalen zurzeit keine Hinweise auf eine akute Gefährdung. Quellen und Quellbäche stehen unter gesetzlichem Schutz (§ 62 Landschaftsgesetz Nordrhein-Westfalen bzw. §30 BNatSchG) und werden eher selten und punktuell sowie meist indirekt durch Veränderungen des Wasserhaushaltes im Einzugsgebiet beeinträchtigt. An mehreren Bachsystemen kann man auf Grund historischer Angaben von einer sehr langen kontinuierlichen Besiedlung ausgehen. Eine mögliche Gefährdung einzelner Fortpflanzungsgewässer ergibt sich im Zuge forstlicher Arbeiten, bei der empfindliche Quellstandorte mechanisch zerstört oder durch Ablagerungen von Schnittgut vollständig überdeckt werden können. Derzeit ist ungeklärt, ob dichte Fichtenbestände in der Umgebung der Quellen ihre Eignung als Fortpflanzungsgewässer beeinträchtigen. Neben der Gefahr der Versauerung könnten schwer abbaubare Fichtennadeln das Vorkommen der Zersetzerorganismen und damit das Nahrungsangebot der Larven reduzieren. Weiterhin ist vermutlich ein ausreichendes Angebot besonnter Lichtungen als Nahrungshabitat für die Imagines während der Reifeperiode für die Art förderlich. Erfassungslücken, die durch eine gezielte Nachsuche geschlossen werden sollten, bestehen insbesondere in einigen nordrhein-westfälischen Mittelgebirgsregionen. Eine erfolgreiche Nachweisstrategie ist das Absuchen geeignet erscheinender Quellbereiche und Quellbachabschnitte von Anfang Mai an. Dabei sollte stets nicht nur nach Imagines, sondern auch nach Exuvien und nach Larven gesucht werden. Exuvien finden sich vor allem an senkrechten Strukturen in der Ufervegetation von Quellbächen oder Sumpfquellen. Eine sehr effektive Nachweismethode für die Art ist die Larvensuche, da sie witterungsunabhängig erfolgen kann und auch vor beziehungsweise nach der Flugzeit der Imagines Nachweise ermöglicht. Dabei werden detritus- und feinsedimentreiche, strömungsberuhigte “Gumpen” und Kolke beispielsweise mithilfe eines stabilen Küchensiebes abgekeschert. Zukünftig ist aber auch zu kontrollieren, ob durch den Klimawandel hervorgerufene Veränderungen (Quellverluste durch Absinken des Grundwasserspiegels, verringertes Wasserdargebot aber auch erhöhte Wassertemperaturen mit geringerem Sauerstoffgehalt etc.) Einfluss auf die Populationen nehmen.

Zitiervorschlag

Tetzlaff A, Conze KJ (2019): Gestreifte Quelljungfer (Cordulegaster bidentata). In: AG Libellenkunde NRW — Online-Atlas der Libellen Nordrhein-Westfalens. Heruntergeladen von libellenatlas-nrw.lwl.org am 25.04.2019

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